12.02.09: Italien: Sterbehilfe-Debatte nach Tod von Wachkomapatientin Eluana Englaro

12.02.09: Italien: Sterbehilfe-Debatte nach Tod von Wachkomapatientin Eluana Englaro

Flagge ItalienDie nach einem Autounfall seit 17 Jahren im Wachkoma gelegene Italienerin Eluana Englaro ist tot. Sie starb am 9. Februar 2009 in einem Pflegeheim in Udine, vier Tage nachdem die künstliche Ernährung auf Verlangen des Vaters eingestellt worden waren. Dieser hatte hierzu mehrere Prozesse geführt und zuletzt per Gerichtsbeschluss die Zustimmung für den Nahrungsentzug erhalten. Zur Begründung führte das Gericht den vermeintlichen Patientenwillen, der sich in ihrem Falle auf mündliche Aussagen des Vaters stützte, und die Feststellung, dass ein Koma irreversibel ist, an.

Laut Obduktionsbericht starb Eluana Englaro im Alter von 38 Jahren nun an einem Herzstillstand in Folge von Flüssigkeitsmangel. Die italienischen Behörden hatten nach ihrem Tod auch eine Untersuchung der Klinik angeordnet.

Schon seit geraumer Zeit hatte das Schicksal der Italienerin eine hitzige Debatte bis in höchste Regierungskreise über Sterbehilfe entfacht. Mit einem am 06.02.09 beschlossenen Dekret wollte Ministerpräsident Silvio Berlusconi den Abbruch der künstlichen Ernährung für die Frau in letzter Minute untersagen. Damit sollten die Ärzte zu lebenserhaltenden Maßnahmen verpflichten werden, doch Staatspräsident Giorgio Napolitano weigerte sich, das Eildekret gegenzuzeichnen.

Eilgesetz sollte Tod von Wachkomapatientin Eluana Englaro verhindern

Zuvor hatte sich auch der Vatikan eingeschaltet und gegen die Einstellung der künstlichen Ernährung protestiert. Vor der Klinik kam es wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen Sterbehilfegegnern und -befürwortern. Nach der Weigerung der Gegenzeichnung wollte Berlusconi daraufhin mit einem Eilgesetz den Tod der Frau verhindern. Deshalb sollte noch am Montagabend über den Entwurf beraten werde. Nachdem dann der Gesundheitsminister in der Parlamentskammer den Tod Englaros bekannt gab, kam es im Parlament zu heftigen Auseinandersetzungen und Schuldvorwürfen. Nun soll vom Parlament eine umfassende Regelung zu Patientenverfügungen verabschiedet werden, die es bislang noch nicht gibt.

Eluana Englaro wurde am 12. Februar 2009 begleitet von ca. 500 Menschen im Bergdorf Paluzza beerdigt. Medienberichten zufolge nahmen die Eltern der Verstorbenen nicht an der Zeremonie teil, da sie nicht mehr in der Öffentlichkeit auftreten wollten. Stattdessen nahmen sie kurz vor dem Begräbnis von ihrer Tochter Abschied.

Ergänzende Informationen:

  • Der Tod der Komapatientin Eluana wühlt Italien auf
    Von Paul Badde
    Nach 17 Jahren im Wachkoma und vier Tagen ohne Ernährung ist Eluana Englaro gestorben. Der Vater der heute 38-Jährigen hatte seit Jahren vor Gericht um Sterbehilfe für seine Tochter gekämpft, deren Ärzte die künstliche Ernährung der Frau gestoppt hatten. Ein Präzedenzfall, der Italien polarisiert.
    WELT Online 11.02.09
     
  • Themenspecial vom 26.07.08: Italien: Gerichtsurteil zu Komapatientin entfacht erneut Sterbehilfedebatte

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